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Geschichte der Stadt Taurage, zusammengestellt anlässlich der 500-Jahr-Feier im Jahr 2007

Taurages Gänsestall in 1917. Foto: nicht bekannt
Synode der litauischen Evangeliker Lutheraner in Taurage in 1929. Foto: nicht bekannt
Taurage in 1935. Foto: H.Grinbergo

von Edmundas Mazrimas

     
Der Anfang der Stadt beginnt mit dem Landgut Taurage. In der zweiten Hälfte des 15. Jh. gehörte das Landgut an Kontautai. Nachdem Jonas Kontautas verstorben war, hatte sich die Witwe Jadvyga Aleknaite-Kontautiene (die im Jahre 1507  den Bau der Kirche der R. Katholiker fundiert hatte) mit Stanislovas Bartosevicius verheiratet und so hatte sich der Familienname des Gutsbesitzers geändert. Der Name der Stadt wurde Anfang des 16. Jh. den Fremden gut bekannt. Taurage wurde im Jahre 1526 in der Landkarte von Nordeuropa von B. Vapovskis und schwedischem Erzbischof Olaus Magnus für das Jahr  1539 kennzeichnet.


Nachdem  Merkelis Semeta im Jahre 1549 die Tochter von  Ona Bartoseviciute-Glebaviciene geheiratet hatte, geriet Taurage an die Familie Semetos. 1567 hatte der niederlitauische Kaschtelion  Merkelis Semeta an die gegründete evangelisch-lutheranische Pfarrgemeinde Grundstück für den Bau der Kirche übergeben. 1653 geriet Taurage an den Hetmon des litauischen Heeres Jonusas Radvila, und später durch seine Nachkommen an die Brandenburgier und noch später an die Preußischen Herrscher. Politisch gehörte das Landgut an den litauisch-polnischen Staat, aber seine wirtschaftliche Tätigkeit sonderte sich von den anderen Landgütern Litauens aus.


1795 geriet Taurage zusammen mit ganz Litauen an die Obermacht von Russland. 1805 hatte Graf  Platonas Zubovas das Landgut und die Stadt Taurage erworben, die der Staatskasse des russischen Staates angehörten. Später ging Taurage in das Eigentum der Staatskasse über. Anfang des 19. Jh. ereigneten sich in Taurage große politische Ereignisse. 1805–1807 wurde das Landgut Taurage vorläufige Residenz des russischen Herrschers. Hier erstatteten Besuche der Imperator Alexandr I und der preußische König. Der Zar Alexandr I hatte am 22. Juni 1807 in Taurage den Vertrag mit den Franzosen unterzeichnet. Dieser Vertrag war im Grunde die Urform des berühmten Tilžes Friedensvertrags vom 25. Juni 1807. Am 30. Dezember 1812 wurde in der Požerunų Mühle des Taurage Landgutes (6 km Abstand von Taurage) Konvention mit 7 Artikeln unterzeichnet, die später die Taurages Konvention genannt wurde. Man betrachtet dieses Ereignis als eine wichtige Wende in der europäischen Geschichte.


Der Imperator Nikolaj I hatte im Jahre 1846 das Landgut mit den Majoratrechten an den Fürsten Hilarij Vasilcikov  geschenkt. Mitte des 19. Jh. hatte die Stadt Taurage keine Selbstständigkeit und gehörte dem Landgut. 1836 hatte ein großer Brand der Stadt große Schäden zugefügt. Während des Brandes wurden etwa 200 Gebäude verbrannt, darunter 1819 gebautes großes Zollamt mit den Lagerräumen, Post (1830), Kirche der Evangeliker Lutheraner (1787). Verschont blieben nur 8 Höfe. Die vom Brand betroffenen Städter bauten für sich hölzerne Buden, das Grenzzollamt wurde vorläufig in das Landgut überführt. In demselben Jahr hatte der Architekt Vaclovas Ritselis auf Befehl der russischen Regierung neues Bauprojekt der Stadt  Taurage vorbereitet und es wurde von der Regierung bestätigt. So hatte man neue Stadt Taurage auf dem neuen Ort gegründet. Den neuen Ort bedingte im Jahre 1836 begonnener Bau der Chaussee Tilže–Ryga. 1836–1837 hatte man die Chausseestrecke Siauliai–Taurage entworfen und  1836–1844 gebaut. Mitte des 19. Jh. hatte man in Taurage, an der Hauptchaussee, einen für die Grenzstädte typischen Komplex – Schlossensemble gebaut, der dem Zollamt gewidmet war (1844–1847; 1852; 1866), vom Architekten Slupskis wurde Komplex der Poststation mit der Kneipe vorbereitet (1858–1861), russische orthodoxe Kirche der Grenzgarnison (1874). 1843 wurde nach dem Projekt des Architekten Brucas die Kirche der Evangeliker Lutheraner gebaut, 1903 – Kirche der römischen Katholiker. Nach dem Brand hatte man in Taurage meistens den Mauerbau verwendet. Die Ziegeln verwendete man aus Ziegelei des Taurage Landgutes. 1871 hatte der Besitzer des Taurage Landgutes Alexandr Vasilcikov im Landgut  Brennerei eröffnet und 1877 die Dampfmühle gebaut. Seit 1889 hatte Taurage Feuerwehr, die 1897 neben dem neuen Marktplatz das Gebäude der Feuerwehr errichtet hatte. 1880 gab es in der Stadt Schulen der Pfarrgemeinde und des Amtes. 1898 wurde von B. Vasilcikov in Taurage gleichnamiges Progymnasium gegründet und seit 1911 –  Gymnasium. 1910 wurde Gymnasium der Mädchen gegründet.

 

In der Stadt entfaltete 1906 ihre Tätigkeit Konsumgenossenschaft, die nach einem Jahr 240 Mitglieder mitrechnete. 1908 wurde Wirtschaftszirkel von Taurage gegründet, etwa 1909 wurde die Druckerei eröffnet. Sehr aktiv war die Sängergemeinde von Taurage, die Schauspielergruppe und Chor besaß, der von J. Charžauskas geleitet war. Nach dem vorbereiteten Plan wurde die Stadt im Jahre 1910 völlig bebaut. Mit dem Wachstum der Stadt stieg auch die Zahl der Einwohner an: 1833 wohnten hier 630 Menschen, 1892 – 4 722, 1897 – 6 655, vor dem Ersten Weltkrieg – schon 10 000 Menschen. In der zweiten Hälfte des 19. Jh. unterlag  Taurage dem Landgut nicht mehr, hatte aber noch keine volle Selbstständigkeit. Zum Stadtverwalter von Taurage wurde Leiter der Grenzstation ernannt. In der Stadt hatte man den Amtsstab der Grenzzollämter von Jurbarkas mit sieben Beamten gegründet. Dem Stabsleiter unterlag Soldatenbrigade des Militärdienstes der Vilniuser Grenze. Taurage gehörte dem Kreis Raseiniai und bis 1919 war ein Amtszentrum. In der Stadt und ihrer Umgebung begann die Bewegung der volkstümlichen Wiedergeburt  in der zweiten Hälfte des 19. Jh. Durch Taurage gingen Wege der Buchträger. Ein der ersten im litauischen Gericht 1870–1871 behandelten Verfahren der Buchträger ist mit Taurage verbunden. In diesem Verfahren wird der Pfarrer  der Taurage RK J. Tamosevicius wegen der Verbreitung der litauischen Bücher beschuldigt. 1872–1882 hatte der Pfarrer der evangelisch-lutheranischen Pfarrgemeinde in Taurage J. Pipiras litauische Bücher verbreitet. Sein Nachfolger war der Pfarrer Martynas Keturakaitis. Er hatte 1882–1884 die verbotene Literatur verbreitet, wurde deshalb nach Kaukasus verbannt und hattevon dort nach Amerika ausgewandert. Taurage erlitt große Schäden während des Ersten Weltkrieges. Nachdem die Kriegshandlungen begonnen wurden, wurde die Stadt beschlossen, ging in Brand und hatte bis Fundament verbrannt. Die Stadt wurde vernichtet, nachdem die Deutschen, die die Stadt besetzt hatten, keine passenden Räume für seine Ämter fanden. Im nördlichen Teil wurde die schmale Bahn gebaut, die von Lauksargiai durch Taurage, Skaudvile nach Kelme verlief. Die Eisenbahn ging bis Taurage parallel mit der Chaussee, umbog die Stadt von der nördlichen Seite (die Station befand sich in der gegenwärtigen Silales Straße). 1915–1916 hatte der Sturmregen den Erdwall der Bahnstrecke angewaschen, die Okkupationsmacht hatte die Eisenbahn nicht repariert und hatte durch den südlichen Teil der Stadt die breite Linie der Eisenbahn gebaut. Am Marktplatz haben die Deutschen 1916 dreistöckiges Administrationsgebäude – das Rathaus gebaut.


Während das unabhängige Litauen gegründet wurde, waren die Einwohner  der Stadt Taurage aktiv und volkstümlich gesinnt. Ende des Jahres 1918 wurde Schutzstab Taurage formiert. Ihn leitete der Offizier J. Kubilius. Am 10. Januar 1919 kamen die ersten Freiwilligen, und am  15. Januar mobilisierte Offiziere und Unteroffiziere. Im Januar wurde begonnen das erste Infanteriebataillon der Niederlitauer zu formieren. Am 16. Februar 1919, während der Feier des ersten Jahrestages der Unabhängigkeit Litauens, fand in Taurage die erste in Niederlitauen Parade des litauischen Heeres  statt.


In den Unabhängigkeitsjahren hatte sich Taurage nach dem neuen rechteckigen Plan schön wiederhergestellt. Durch den Fluss Jura wurde neue Stahlbetonbrücke gebaut, die Straßen wurden gepflastert, Gehwege eingerichtet, die teilweise Kanalisation und Wasserleitung angelegt, den Kai des Jura Flusses und die Beleuchtung der Straßen in Ordnung gebracht. Es wurden in der Stadt monumentale öffentliche Bauten errichtet, die von den berühmten Architekten entworfen waren: 1927 Arch. E. A. Frykas Gebäude des Bahnhofes, 1932 – Krankenhaus, 1933 – Haus der Schützen (Arch. K. Reisonas), 1935 – Bankgebäude (Arch. A. Funkas und M. Songaila). 1935 wohnten in der Stadt 6 527 Einwohner, 1939 – 10 561 Einwohner. 1935 wurde an Taurage Status der erstrangigen Stadt verliehen. Ihre Angelegenheiten verwaltete von der Einwohnern gewählter Rat mit dem Bürgermeister. Taurage war Kreiszentrum mit eigenen Anstalten. Die Stadt erlitt große Schäden während des zweiten Weltkrieges. Während des Krieges wurden etwa 80% der Stadt zerstört. 1948 hatte man den Bauplan von Taurage vorbereitet (Arch. R. Skromanas), nach dem geplant wurde, die Stadt an demselben Ort wiederherzustellen, der nach dem Brand 1836 erbaut wurde, nur die Industriequartale hinter die Eisenbahn zu verlegen. Später haben sich neue Stadtquartals formiert: Žalgiriai, Jovarai und Industriequartal. 1959 gab es in  Taurage 12 041 Einwohner, 1970 – 19 575 Einwohner. Im Jahre 1989 wurde nach der langjährigen Pause begonnen, die Feier des 16. Februars zu feiern, die alten Benennungen der Straßen wurden wiederhergestellt. Die wiederhergestellte Unabhängigkeit Litauens brachte neue Hoffnungen und Möglichkeiten.

Der größte Schatz von Taurage waren in allen Zeiten ihre Menschen, die sich durch Schaffenskraft und Handlungsfähigkeit aussonderten. Die gegenwärtigen Einwohner der Stadt Taurage erinnern sich mit Dankbarkeit und Stolz an die erhabenen Persönlichkeiten, die in diesem Land gewohnt und gearbeitet hatten: Pädagogen Mecys Macernis, Jonas Vilkaitis, Bronius Simkevicius, Jonas Navasaitis, Rene Barsciauskas, Kazys Paulauskas, Musiker Juozas Gudavicius, Liudas Andriulis, Wissenschaftler Petras Jonikas, Jonas Kruopa, Dichterin Birute Baltrusaityte-Masioniene, Geistliche Augustas Vymeris, Vincentas Kemesys, Jonas Beinorius, Joana Semionova, Jonas Viktoras Kalvana, Petras Puzaras, Bildhauer Robertas Antinis, Petras Vaivada und andere hier nicht erwähnte Persönlichkeiten. Die Stadt verändert sich rasch: man räumt die Straßen auf, richtet Gehwege ein, die alten Bauten werden rekonstruiert. Die Einwohner der Stadt warten mit Hoffnung auf die weitere Aufräumung der Stadt und helleres Leben.